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Novosibirsk, neunzehn Uhr, Moskauer Zeit

Das Thermometer auf dem Dach des Bahnhofs zeigt null Grad Celsius, was sich im Vergleich zu den zweistelligen Minusgraden der letzten Tage schon beinahe angenehm anfühlt. In der Ferne tauchen drei große Scheinwerfer auf, die sich langsam nähern und den dunklen Bahnsteig auf unheimliche Weise erleuchten.

Pünktlich auf die Minute und erstaunlich geräuscharm fährt der aus Moskau kommende, gewaltig anmutende Koloss auf seinem Gleis ein, wo er beinahe behutsam zum Stehen kommt. Die Wagentüren öffnen sich und überall steigen überdurchschnittlich groß gewachsene Chinesen in dunkelblauen Uniformen hinaus, um die Fahrkarten und Pässe der Einsteigenden zu kontrollieren und darauf zu achten, dass niemand ohne Befugnis den Zug betreten kann. Wir bugsieren unser Gepäck die steilen Stufen hinauf und schleppen uns durch den engen Gang in unser Abteil.

Für viereinhalb Tage soll dieser schmale Raum mit vier Pritschen, einem kleinen Tisch und einer Thermoskanne nun unser Wohn- und Schlafzimmer sein – so lange, wie die Expedition von Novosibirsk durch die Mongolei bis nach Peking dauern wird. Die wohl ungewöhnlichste Zugfahrt unseres bisherigen Lebens steht uns bevor.



Mein Telefon zeigt 11:30 Mitteleuropäische Zeit an, im Zug ist es nach Moskauer Zeit offiziell 14:30 und innerhalb der Zeitzone, die wir gerade durchfahren, muss es bereits 18:30 sein. Doch an Bord der transsibirischen Eisenbahn spielt die Zeit kaum eine Rolle, denn es gibt außer dem nächsten Zwischenstopp, der meist ungefähr fünf Stunden und hunderte Kilometer entfernt liegt, keine Termine und somit weder Hektik noch Stress.

Vieles funktioniert hier noch wie vor hundert Jahren. Unsere chinesischen Zugbegleiter, die kaum ein Wort Englisch sprechen, kehren die Gänge mit einfachen Strohbesen und heizen die Abteile und Wasserkessel mit lodernden Kohlen. Bei jedem längeren Aufenthalt müssen die Vorräte wieder aufgefüllt werden. Heißes Wasser ist das einzige Luxusgut, das zu jeder Zeit und umsonst zur Verfügung steht, damit man sich einen Tee aufbrühen und Pulvernahrung zubereiten kann.



Das Leben im Zug fühlt sich an, wie eine Mischung aus Festival und Jugendherberge aufgrund der spartanischen Verpflegungsmöglichkeiten und der unzureichenden Körperhygiene. Die Ausstattung der Nasszelle umfasst ein uriges Plumpsklo, dessen temporärer Inhalt nach Benutzung einfach auf den Schienen landet, und ein kleines Waschbecken, aus dessen Wasserhahn mal mehr und mal weniger eiskaltes Wasser tröpfelt. Alles wackelt und schaukelt ununterbrochen und man fühlt sich unweigerlich an einen Flug bei leichten aber schier endlosen Turbulenzen erinnert. Dazu rattern die Räder unermüdlich auf den Schienen im Takt und sorgen für die ständige rhythmische Begleitung unseres Zugalltags.

An den Fenstern rauschen die unendlichen Weiten Sibiriens vorbei, schneebedeckte Wälder so weit das Auge reicht. Ab und zu durchbrechen kleine Dörfer mit ihren prächtigen bunten Hütten und holzverarbeitenden Betrieben die Monotonie. Immer wieder donnern schwer beladene Güterzüge an uns vorbei, die Baumstämme und rostige Container in enormen Mengen in das Landesinnere transportieren.



Nachdem wir den gigantischen Baikalsee passiert haben, der fast fünfhundert mal so viel Süßwasser enthält wie der Bodensee und komplett mit Schnee und Eis bedeckt ist, beginnt sich die Landschaft beständig zu verändern. Es wird felsiger und lange Bergketten säumen den Horizont. Schneebedeckte Gebiete weichen allmählich einer kargen Steppenlandschaft, in der statt üppigen Nadelbäumen nur noch struppige Sträucher zu finden sind. Die Sonne scheint kraftvoll durch die diesigen Luftschichten und lässt die mongolische Steppe in nahezu surrealen Gelb- und Rottönen erstrahlen.

Nach einigen Stunden gibt es links und rechts nichts anderes mehr zu sehen als kahle Wüste, ein paar vereinzelte Strommasten und zerfledderte Plastiktüten, die den staubigen Boden strukturieren. Mit einem Mal ist alles um uns herum so ungeheuer flach und weitläufig wie nie zuvor. Irgendwo im Niemandsland stehen vereinzelt die runden Jurten der mongolischen Nomaden, hier und da trampeln Schafe oder Kamele durch den trostlosen Sand.

In einer kleinen mongolischen Stadt machen wir Halt und steigen aus dem Zug. Völlig unerwartet peitscht uns ein beißender Sandsturm entgegen, der uns binnen Minuten mit einer braunen Staubschicht überzieht und uns kaum noch aus den Augen schauen lässt.



Die Stunden rumpeln weiter munter dahin. In der Zwischenzeit führen wir kurzweilige Konversationen mit unserer vorübergehenden Bettnachbarin Saartje aus Belgien und den anderen Mitreisenden, genießen russisches Bier aus Dreiliter-Plastikflaschen und improvisierten Bechern, laden zu ausgelassenen Spieleabenden in unser Abteil ein und vertreten uns die Beine bei gelegentlichen Kurzbesuchen in Ilanskaya, Naushki oder Ulaanbaatar. Auch die Nächte auf den harten und etwas zu kurz geratenen Hängeliegen in unserem wackelnden Waggon gestalten sich erholsamer und bequemer, als gedacht.

Wir passieren die chinesische Grenze und in Erlian spüren wir erstmals chinesischen Boden unter unseren Füßen. Die letzte Nacht bricht über uns herein. Morgen nachmittag werden wir Peking, die Stadt des Himmlischen Friedens, erreichen.


Verfasst am 3. Mai 2015 in der Kategorie AsienTranssiberia.